Montag, November 06, 2006

UNIDENTIFIED FLYING OBJECT


An Moskitos und Riesenameisen hab ich mich gewöhnt, aber was ist das denn für ein Insekt? Es ist circa 8 cm lang, fliegt eher langsam (mit hängenden Beinen), hat schwarze, opake Flügel, Dornen an den Beinen und einen Stachel, der laut meinen Mitbewohnern höllisch schmerzt.

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Freitag, November 03, 2006

LAGEBERICHT

Ich bin mittlerweile seit drei Monaten in Rio de Janeiro und fühl mich jeden Tag hier wohler. Ich bin wesentlich gelassener wenn mal etwas nicht ganz so funktioniert wie ich mir das vorgestellt habe oder sich jemand verspätet. Das Wetter in den letzten zehn Tagen war der Hammer und selbst jetzt bei anhaltendem Regen haben wir nachts noch über 20°C. Da ich Deutschland im Sommer verlassen hab vergess ich ständig, dass schon November und bei Euch somit bitterkalt ist.

Ich weiss dass Rio nicht so sicher ist wie Gmünd und dass man aufpassen muss, aber unsicher fühl ich mich eigentlich nicht. Ich nutze ganz normal die Metro, den Omnibus und nachts auch mal einen Minibus oder ein Taxi. Die Anzahl der Szenen auf der Straße, die mich wirklich schockieren haben klar abgenommen. Arme, obdachlose Menschen und Unfälle gehören zum alltäglichen Straßenbild. Aber es gibt auch Sachen, an die man sich bestimmt nie gewöhnt...


Die Menschen, die in diesem städtischen Transporter sitzen sammeln von Beruf Leichen ein. Und dass das nicht nur altersschwache Menschen sind sieht man dem Fahrzeug auch von außen an (das ist kein Rost am Heck des Wagens).

Für Leute mit starken Nerven habe ich hier auch noch einen Link zu einem Video, das Bilder aus dem alltäglichen Leben eines Militärpolizisten in Rio zeigt. Das ist nicht mein Rio, aber trotzdem ein großer Teil der gleichen Stadt.

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Mittwoch, November 01, 2006

MISS SUNSHINE

Vorgestern war ich seit Ewigkeiten das erste Mal wieder BMX fahren. Sonntags wird immer eine Fahrbahnseite am Strand von Leblon, Ipanema, Copacabana und Leme gesperrt auf der dann halb Rio radelt, joggt, skatet oder einfach nur flaniert. Nach Kokosnuss, Camarão Camarão (Shrimps am Spies) in Leme und Biers an der Lagoa sind wir abends noch nach Botafogo ins Kino gegangen. In Little Miss Sunshine geht es um die Reise einer ungewöhnlichen, amerikanischen Familie.



Der Vater ist ein erfolgsloser Motivationstrainers, die Mutter ist mit ihrem akut selbstmordgefährdeten, schwulen Bruder beschäftigt, den fast niemand leiden kann aber jeder als Gast ertragen muss, der Sohn hat wegen Nietzsche seit über neun Monaten kein Wort gesprochen um sich auf die Einsamkeit als künftiger Jetpilot vorzubereiten, der Großvater ist ein lüsterner, drogensüchtiger Althippie und die Tochter ein untalentiertes und vorallem unschönes, 7jähriges Möchtegern-Model. Alle zusammen machen sich ihr zu liebe in einem altersschwachen VW-Bus auf den Weg zu einem Schönheitswettbewerb für Kinder in Kalifornien.


Große Stars hat der Film nicht zu bieten (am ehesten dürfte evt. noch Greg Kinnear bekannt sein, der den Vater spielt), braucht er aber eh nicht. Sex und Gewalt gibt's auch nicht, aber der Film hat so viele tragische, lustige und peinliche Momente dass er auf jeden Fall sehenswert ist. Uncool, aber ich hab mich bestens amüsiert!

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HERMIGERVILL


Last.fm meint:
Slick goofball groove frolicking between hip hop, synthesised dance and more than a little bit o'funk, with a dash of stoner rock to top it all off. Hermigervill's recorded songs are elaborate and detailed, finely tuned creations of a perfectionist.

ℜ meint:
Gut und umsonst. Einfach aufs Bild klicken und ganz legal das letzte Album (Lausnin) downloaden.

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Samstag, Oktober 28, 2006

UMSTELLUNG

Die Sonne scheint in letzter Zeit wieder relativ häufig was diesen Blog ein bißchen verkommen lies. Die wenige Freizeit (wenn man das Grafikgebastel für die ESDI als Arbeit bezeichnet bleibt nicht mehr so viel übrig) verbrachte ich lieber draußen am Strand oder mit Freunden auf der Straße.

Da Marc irgendwie verschollen/beleidigt scheint und die anderen Gringos aus meiner WG ständig am arbeiten sind verbringe ich auch vermehrt Zeit mit meinem brasilianischen Mitbewohner, Dudu (kein komischer Name sondern die Kurzform von Eduardo). Durch den täglichen Gebrauch fühl ich mich sprachlich mittlerweile wesentlich sicherer und versteh eigentlich auch recht viel!

Die Zeitumstellung wurde hier wegen der morgen anstehenden Stichwahl um eine Woche verschoben. Demnach beträgt der Zeitunterschied ab dem morgigen Sonntag 4 Stunden. In einer Woche schrumpft er dann auf nur noch 3 Stunden! Ab Dienstag (Tag der Magazin-Präsentation) gibt's mit Sicherheit wieder regelmäßiger Blogeinträge.

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Sonntag, Oktober 22, 2006

GESTUAL

Scheinbar gibt es Leute die den letzten Eintrag arrogant fanden. Zeit ein bißchen Design zu zeigen. Ich tu das nicht um mich als "tollen Gestalter" darzustellen sondern um ein realistisches Bild von Schule und Studenten zu vermitteln. Aber bildet euch selbst eine Meinung! Vier meiner Doppelseiten und die Arbeit meiner Projektpartner (das Inhaltsverzeichnis und eine neue Variante meines dreiseitigen Interviews). Es ist zwar erst der erste Schritt, bisher wurde nur gezeichnet, aber wir hatten immerhin über zwei Wochen Zeit dafür und in weniger als zwei Wochen ist Endpräsentation!













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Freitag, Oktober 20, 2006

REDESIGNS

Vorgestern hatte ich Zwischenpräsentation im Fach Magazin-Redesign. Die geforderte Anzahl von 4 Doppelseiten (Endziel des Semesters) konnte ich mit 15 fast fertigen Doppelseiten locker überbieten und bin dabei qualitativ allen anderen weit vorraus.

Da ich Material für mindestens nochmal so viel besitze (musste alles selbst erarbeitet werden) hab ich den Entschluss gefasst nebenbei ein eigenes Magazin mit 64 Seiten zu produzieren. Da es schwierig ist hier kritische Stimmen zu bekommen und ich mir nicht ganz sicher bin, ob mein Werk europäischen Standards genügt gibt es hier (noch) keine Bilder davon zu sehen.

In meiner Freizeit beschäftige ich mich hauptsächlich mit dem längst überfälligen Redesign meines Blogs, das demnächst veröffentlicht wird. Nach intensiver Recherche hab ich mich gegen Wordpress und für die weitere Nutzung von Blogger Beta entschieden. Neben Tab-Browsing wird der neue Blog auch über ein fünfspaltiges Raster mit sieben individuell einstellbaren Modi verfügen und einen extra Druckmodus besitzen. Ermöglicht wird das ganze durch ein Tool der Yahoo! User Interface Design Group das in der Beta Version funktioniert (Ich nutz ein Yahoo-Produkt auf einer Google-Seite - lol).

An der Adresse wird sich nichts ändern aber durch die Umbau-Maßnahmen kann es vorübergehend zu ästhetischen Grausamkeiten kommen.
Erste Eindrücke von den neuen Funktionen (nicht der Gestaltung!) gibt's live auf meinem neuen Testblog

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Sonntag, Oktober 15, 2006

SEM SOL NO BRASIL



Ich würd ja gern Spannenderes präsentieren, aber es tut sich einfach nichts und das Wetter ist noch immer nicht besser (konstant wechselhaft). Dranbleiben, der Sommer kommt ganz bestimmt!

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Donnerstag, Oktober 12, 2006

DIA DAS CRIANCAS


Jordan, der kleine Sohn von Aline, war die letzten beiden Tage hier und hat uns alle vom Arbeiten abgehalten. Da es ihn kein bißchen interessiert, wenn man zu tun hat oder seine Sprache kaum spricht geht man am Besten darauf ein indem man mit ihm spielt. Er frägt einem sonst nonstop Löcher in den Bauch, stellt das ganze Zimmer auf den Kopf oder macht sonst was Blödes. Gestern war er zum Beispiel so von den kleinen Affen auf meinem Balkon begeistert, dass er fast hinterher gesprungen wär (er stand schon auf der Brüstung).


Auch wenn es diesmal alle Äffchen aufs Nachbarhaus geschafft haben; Es geht nicht immer gut aus und so manche (Affen-) Mutter musste ihr Baby wegen zu geringer Sprungkraft unten vom Boden kratzen. C'est la vie oder Fui mal, wie der Brasilianer sagen würde!

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Dienstag, Oktober 10, 2006

BRASILIAN STREETART


Rund um die Lagoa gibt's einige ganz nette Graffities einer Carioca Crew (der Name ist mir leider im Moment entfallen). Einer der Jungs hat mit Robin zusammen an der ESDI studiert, ein anderer ist ein Arbeitskollege von Kai.


Ihre Werke findet man überall hier, auf Abwasser-Rohren, Stromkästen, Ampeln, Häuser-Fassaden, Blumenkästen, Verkehrsschilder oder Straßenbegrenzungen. Der Stil kommt mir irgendwie bekannt vor, kann's aber nicht so richtig zuordnen.


Der Wochenend-Trip auf die Ilha Grande musste leider wegen Dauerregen abgesagt werden weshalb ich das Wochenende arbeitend verbracht habe. Ich kam wirklich gut voran, aber habe noch nicht entschieden, ob ich diesen Blog neu gestalten oder lieber auf Wordpress und meinen eigenen Server umsteigen soll. Mehr dazu ein ander mal!

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Samstag, Oktober 07, 2006

CALMA

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Freitag, Oktober 06, 2006

BETABLOGGER


Da sich Brasilien derzeit noch immer nicht von seiner sonnigsten Seite zeigt hatte ich die letzten zwei Tage jede Menge Zeit ein Paar Änderungen an meinem Blog vorzunehmen. Im Vordergrund stand - wie bei Gmuendern üblich - die Funktion. Die Gestaltung hinkt noch ein bißchen hinterher wird aber asap geändert. Neben der Integration von Videos und Delicious-Links auf meinem Blog gab es auch aufwändigere Änderungen, die einen Wechsel zur neuen Beta-Version und stundenlanges html-Gefrickel verlangten (die neue grafische Benutzeroberfläche erlaubt viel zu wenig Änderungen).

Neu auf diesem Blog ist zum Beispiel die Label-Funktion. Labels sind Stichworte, die den einzelnen Posts zugeordnet werden und alles Kategorisieren. Sucht der Leser zum Beispiel einen Artikel über ein Konzert oder will er einfach eine Liste aller Konzerte, braucht er jetzt nur noch auf das entsprechende Label zu klicken und bekommt alle Berichte über von mir besuchte Konzerte. Am Ende der Navigationsspalte (rechts) befindet sich aus diesem Grund eine Liste aller von mir vegebener Labels.

Die Gliederung des Archivs ist auch neu. Durch einen Klick auf die kleinen Dreiecke vor den Monatszahlen erscheint jetzt eine Liste aller Posts in diesem Zeitraum. Wer alle Einträge eines Monats lesen will klickt wie bisher einfach auf die gewünschte Monatszahl! Die graue Ziffer hinter den Labels und Monaten gibt die jeweilige Anzahl bzw die Häufigkeit an. Generell gilt: Feedback ist erwünscht; auch bezüglich der neuen Funktionen!

Nachdem ich jetzt schon zwei Monate hier bin und die Stadt nicht ein einziges Mal verlassen hab (selbst Prainha liegt noch in Rio) gönn ich mir ab morgen einen Wochenend-Kurzurlaub. Zeit mit dem Surfen anzufangen und die erste Insel zu erkunden. Bilder und Reiseberichte gibt's dann ab Dienstag.

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Donnerstag, Oktober 05, 2006

MARACANÃ


Gestern hab ich mir einen Kindheitstraum erfüllt. Ich war im weltgrößten Fußballstadion, dem Estádio Mário Filho, besser bekannt als Maracanã-Stadion.
Mit von der Partie waren Lili (Ex-Gmuender), Jule (Ex-Gmuender), Dennis (Jules Freund) und Robin (Ex-Gmuender). Alex, ein Freund der WG, der auch bei Monobloco dabei war, haben wir vor dem Stadion getroffen.


Ursprünglich fasste das Stadion 220.000 Menschen aber da noch bis November für die Panamerika Spiele umgebaut wird dürfen derzeit nur 44.000 Fans rein (die unteren Ränge sind komplett gesperrt). Im Juli 1950 sahen hier 199.854 Zuschauer das WM-Finale zwischen Brasilien und Uruguay, aber die Freude über den neuen Weltrekord währte nur kurz; Brasilien verlor überraschend. Ein ganz schwarzer Tag für Brasilien.


Das Stadtderby zwischen Flamengo und Fluminense (Rio hat insgesamt vier Clubs in der ersten Liga) war ein vortrefflicher Anlass. Da Flamengo seinen Hauptsitz hier an der Lagoa hat, die Fans zahlreicher waren und wesentlich euphorischer sind haben wir uns trotz der geringeren Siegchancen auf ihre Seite geschlagen. Eine wahnsinns Stimmung! Selbst als Fluminense nach circa 10 Minuten das von allen befürchtete schnelle Tor machte (Dudu hatte einen klaren Sieg von Fluminense prognostiziert) wurde es nicht leiser. Und das war gut so. Flamengo schaffte im direkten Gegenzug den Ausgleich und rettete sich mit dem Unentschieden sogar in die Pause.


Was in der zweiten Halbzeit passierte kann wahrscheinlich bis heute niemand richtig glauben. Flamengo spielte in unsere Richtung, war von Anfang an wesentlich aggressiver und entwickelte enormen Druck. Nach einer viertel Stunde gelang ihnen der überraschende aber hochverdiente Führungstreffer. Fünf Minuten später erhöhten sie auf 3:1 und als in der 80. Minute sogar das 4:1 fiel gab es kein halten mehr. Jesus!


Bei der Stimmung war es völlig egal, dass die Partie nicht einmal Zweitliga-Niveau hatte. Aber was will man auch in einem Land erwarten das jedes Jahr circa 800 Fußballer exportiert! Da bleiben nur alte, schwache und ein paar ganz junge Spieler übrig. Ein wahnsinns Erlebnis war es trotzdem. Wenn die Qualifikation zur Südamerika Meisterschaft los geht will ich auf jeden Fall ein Spiel der Nationalmannschaft sehen. Wenn möglich nach dem Umbau, mit 94.999 anderen Brasilien-Fans!


Hab auch ein Video auf YouTube (Links, rechts) hochgeladen, das ihr auch hier unten sehen könnt. Mehr Bilder auf meiner Flickr-Seite!

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THE ROOF IS ON FIRE


Flamengo 4 : 1 Fluminense

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Montag, Oktober 02, 2006

PT BRASIL


In den bisherigen sieben Wochen hab ich immer wieder mal über den brasilianischen Wahlkampf geschmunzelt. Da hier scheinbar das Plakatieren verboten und Personal billig ist saßen überall in Rio Wahlhelfer an den Straßen und bewachten irgendwelche Fahnen, Banner oder Transparente, die neben ihren farblich abgestimmten Klappstühlen im Boden steckten. Sie saßen den ganzen Tag lang nur da und taten einfach gar nichts. Auch eine Methode um die Arbeitslosigkeit zu reduzieren.

Wahlkampflieder kamen in Rio eher selten vor (auf dem Land sind sie angeblich öfter zu hören). Ähnlich wie in Weißrussland oder Estland werden in den Pop-Songs die Wahlmänner verehrt und jedem Hörer die Wahlnummern eingetrichert. Am häufigsten hörte ich diese lauten Ohrwürmer in Lapa direkt vor dem Eingang der ESDI. Bei mir hat's funktioniert - das geht mir bestimmt nicht so schnell aus dem Kopf. Indio Da Costa, der Sohn des gleichnamigen Designers hat zum Beispiel die 2511. Doch am gestrigen Sonntag drohte der ganze Spass mit den Präsidentschaftswahlen zu enden.

Im Land von Ordem e Progresso (Ordnung und Forschritt) läuft die Wahl natürlich völlig digital ab. Somit steht das amtliche Endergebnis trotz der enorm großen Bevölkerung und der Weite des Landes noch am gleichen Abend fest (Kritiker behaupten es stünde sogar schon vor der Wahl fest, aber dafür gibt es keine Beweise).

Bis vor wenigen Tagen sah es nach einem ganz klaren Sieg für Präsident Luiz Inácio "Lula" da Silva von der Arbeiterpartei PT aus. Seine Verstrickung in mehrere Affären kostete ihn aber in letzter Minute die absolute Mehrheit des ersten Wahlgangs (48,79%) und zwingt ihn zu einer Stichwahl gegen seinen größten Gegner Geraldo Alckmin (41,43%) von der PSDB.

Schmutzkampagnen gegen die Opposition, Diebstahl, Unterschlagungen, Betrug; jede Woche gab es in den Zeitungen Neuigkeiten von Lula und seiner Partei. Eine Bestrafung der "Täter" gab es nie, ganz im Gegenteil: alle standen zur Wahl als ob nie etwas passiert wäre und die wenigsten Brasilianer stören sich daran.

Lulas Karriere ist bemerkenswert. Er arbeitete sich von einem einfachen Schuhputzer aus dem Nordosten zuerst zum Metallgewerkschafter und Streikführer hoch bevor er dann vor vier Jahren Präsident Brasiliens wurde. Der Großteil seiner Wähler sind eher arme, weniger gebildete Menschen, die er mit seiner einfachen (Redens-)Art und seiner Herkunft gewinnen kann. Dabei kam ihm gestern auch die Politikverdrossenheit vieler Brasilianer entgegen. Da jeder weiss, dass Politiker korrupt sind wählt man lieber einen aus den eigenen Reihen...

Auch wenn Lula einige seiner ehrgeizigen Ziele verfehlte bewerten vorallem internationale Finanzexperten seine Regierungszeit als Erfolg. Dafür stehen ein strikter Stabilitätskurs, Rekordgewinne der Banken, vervierfachte Börsenkurse in São Paulo und ein im Vergleich zu 2002 doppelter Wert der Landeswährung Real gegenüber dem Dollar.

Für mich ist es trotzdem ein Rätsel wie jemand, der so viele Versprechen gebrochen, Menschen enttäuscht und Vertrauen missbraucht hat, die absolute Mehrheit nur knapp verfehlen kann. Aber es sind eben auch die Widersprüche die dieses Land (und seinen Reiz) ausmachen!

Die Stichwahlen Ende dieses Monats versprechen auf jeden Fall spannend zu werden. Diesen Sonntag gingen trotz der Wahlpflicht über zwanzig Millionen Menschen nicht zur Abstimmung und fast sechs Millionen Menschen enthielten sich der Stimme. Das sind immerhin zwanzig Prozent, die noch zu vergeben sind. Und der Wahlkampf auf den Straßen Rios geht weiter!

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Donnerstag, September 28, 2006

AUSZEIT


Bin derzeit gesundheitlich leicht angeschlagen und hab deshalb alle Aktivitäten hinten angestellt oder verschoben. Hoffe mit Disziplin und Vitaminen bald wieder fit zu sein (Lloyd Pranks gibt übermorgen seinen Abschied).

Im Kino war ich nur noch ein mal aber Black Dahlia hat sich trotz Scarlett Johanson als absoluter Flop entpuppt. Anyway, es kann nicht nur Volltreffer geben. Am Wochenende warten Tsotsi, Daft Punk Electroma, Three Needles, Land of Plenty, u.v.a.

Ab nächster Woche wird an der ESDI zur Abwechslung mal wieder gestreikt. Schade, aber langweilig wird mir hier bestimmt nicht so schnell.

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Sonntag, September 24, 2006

INT. FILMFESTSPIELE VON RIO

Vorgestern haben die Internationalen Filmfestspiele von Rio de Janeiro begonnen. Da ich aber Freitag auf der ESDI Choppada war (nichts besonderes) fing das Festival do Rio 2006 für mich erst gestern an.


Der erste Film hieß Sketches of Frank Gehry. Sydney Pollack, amerikanischer Schauspieler (Eyes Wide Shut), Regisseur (Out of Africa) und ein langjähriger Freund Gehrys, ermöglicht interessante Einblicke in die Arbeitsweise, das Umfeld und das Leben des weltberühmten Architekten der übrigens auch schon mit Anish Kapoor (siehe TWISTER) zusammenarbeitete.


Ganz neutral ist Pollack als Freund zwar nicht, aber es gibt auch ein oder zwei kritischere Fragen. Und natürlich auch jede Menge imposante Bilder von Gebäuden oder richtig abgefahrenen Modellen. Zu Gehrys berühmtesten Werken gehören mit Sicherheit das Guggenheim-Museum in Bilbao, die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles, das Tanzende Haus in Prag und die DZ Bank in Berlin. Sehr schöne Doku über einen der größten Architekten unserer Zeit. Für Gestalter/Architekten ist dieser Film fast schon ein Muss.



Der zweite Film hieß Salvador, kommt aus Spanien und spielt Anfang der Siebziger Jahre. Die Hauprolle des spanischen Anarchisten Salvador Puig Antich spielt Daniel Brühl (in Barcelona geboren spricht er fließend Spanisch und Catalan).


Salvador war oft Fahrer bei Aktionen einer Gruppe, die meistens Banken ausraubten und mit der Beute Flugblätter finanzierte oder streikende Arbeiter und inhaftierte Mitglieder unterstützte.


Die Gruppe bewegte sich im Untergrund und hielt sich oft in Frankreich auf, wo sie mit ehemals militanten Anhängern einer anarchistischen Gewerkschaft in Verbindung standen. Als die Polizei Salvador eines Tages eine Falle stellte kam es zum Schusswechsel. Er erlitt mehrere Einschüsse in Kopf und Brust, überlebte aber im Gegensatz zu einem Guardia-Civil Beamten.


Das Urteil wurde von einem Kriegsgericht gefällt und war geprägt vom Rachedurst des Regimes nach dem ETA-Attentat auf den Regierungschef und persönlichen Vertrauten Francos, Luis Carrero. Obwohl Indizien darauf hinwiesen, dass der tödliche Schuss nicht aus seiner Waffe kam, wurde Salvador 1974 wegen Mordes an einem Polizisten zum Tode durch die Garrotte (dem Opfer wurde von hinten langsam eine Metallschraube ins Genick gebohrt bis es langsam erstickte) verurteilt.


Der Film wird am Ende ziemlich hart. Die Frauen im Publikum sahen anschließend so verheult aus, dass man meinen konnte sie wären selbst gefoltert worden. Trotzdem gab's abschließend viel Applaus für einen unterhaltsamen Film über ein dunkles und nur selten betrachtetes Kapitel europäischer Geschichte.



A Grande Final (The Great Match) war der letzte Film meines ersten Festival-Tages. Betrachtet wurden vier Jäger in der Mongolei, vier Indianer in der Amazonas-Region und fünf Tuaregs in der Ténéré. Alle haben etwas gemeinsam: Die Liebe zum Fußball und den Wunsch irgendwo im Fernseher (Strom war dabei das größte Problem) das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft 2002 zwischen Brasilien und Deutschland zu sehen.


Nachdem Sketches of Frank Gehry auf Englisch war, Salvador mit Englisch, Spanisch (in den katalan gesprochenen Teilen) und Portugiesisch bis zu drei unterschiedliche Untertitel hatte (es gab sogar eine zusätzliche Leinwand nur für Untertitel) war A Grande Final mit nur einer Sprache etwas dünn besetzt. Kein wirklich großer Film, aber eine stellenweise sehr lustige Liebeserklärung an den Fußball. Und mehr hätt ich eh nicht mehr gepackt.

Heute (Sonntag) setzt ich aus. Aber morgen geht's dann wieder mit den nächsten Filmen weiter. Der Eintrag LANGES WOCHENENDE wurde übrigens um die mittlerweile eingetroffenen Bilder ergänzt. Check that out and stay tuned!

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Dienstag, September 19, 2006

A ESCOLA SUPERIOR

Nachdem ich mich freitags von Franz Ferdinand erholen musste war ich am Samstag mit meinen Mitbewohnern und einigen ihrer Freunde schon wieder auf einem Konzert in Lapa. Diesmal aber nicht in der großen Fundicao sondern im kleineren Circo Voador, einem zweistöckigen Kuppelgebäude mit Palmengarten direkt neben der Fundicao. Monobloco machen eine Art brasilianischen Hip Hop mit starkem Samba-Einfluss. Zwanzig Trommler sorgten mit Samba-Rhythmen für richtig satten Sound. Ergänzt wurde das Ganze mit einem Typen an der E-Ukulele und drei MCs. Ich hab zwar nicht einen Satz verstanden war aber trotzdem restlos begeistert. Very Nice!


Wenn ich hier hauptsächlich über private Aktivitäten berichte ist der Grund weniger quantitativer sondern eher qualitativer Natur. Ich möchte nicht sagen, dass Brasilianer generell schlechtere Designer sind oder ich in Rio nichts lernen kann, aber an der ESDI geht derzeit wirklich nicht viel. Die Hälfte der Kurse (darunter Schriftgestaltung und das Microsoft-Projekt) findet entweder zeitversetzt oder gar nicht statt und die wenigen attraktiven Angebote überschneiden sich zeitlich.

Aber das Hauptproblem sind für mich nicht die schlechte Organisation oder die Lehrer, die unprofessionelle Haltung der Studenten ist viel schlimmer. Die Jungs und Mädchen meiner Magazin Redesign-Gruppe zum Beispiel sind zwar allesamt nett aber andererseit auch unfleißig und schlecht. Das Format unseres neuen Magazins wurde vor meiner Ankunft entschieden und mit "Man kann es gut aus DIN A4 ausschneiden" begründet. Für die Wortmarke von "Gestual" verwendeten sie Brush Script in Kombination mit Univers oder Futura. Sie sind im 6. Semester aber erkennen nicht einmal die Helvetica, haben wahrscheinlich noch nie ein Raster gemacht, behaupten Querformat sei eleganter und wollen Mengentext rechtbündig oder im Formsatz setzen. Ich weiss wirklich nicht was ich mit ihnen anfangen soll. Das Wenige, das sie tun ist nicht einfach nur anderst sondern schlicht und ergreifend schlecht! Sie wählen schlimme Bilder aus und können selbst aus meinen offenen Dateien nichts auch nur halbwegs erträgliches produzieren. Das hab ich mir wirklich anderst vorgestellt.

Abseits von Gestaltung gibt es auch Positives von der Schule zu berichten. Der Siebdruck-Kurs macht, wenn er denn stattfindet, richtig Spass und wenn alles klappt produziere ich übermorgen meine ersten Shirts. Von Mestre Milton (der Siebdruck unterrichtet) hab ich auch den Auftrag für die Gestaltung eines Tattoos bekommen, das er sich dann stechen lassen will. Ich würd mir ganz bestimmt keinen Drachen tätowieren lassen, aber der Gedanke, dass er mit meinem Design auf dem Oberarm durchs Leben geht gefällt mir irgendwie. Vielleicht sollte ich die Zielgruppe wechseln ...

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Freitag, September 15, 2006

ALLE LIEBEN FRANZ


Gestern Nacht war das angekündigte Franz Ferdinand Konzert. Und es war wirklich der prognostizierte Knüller! Die Fundicao Progresso, eine ehemalige Gießerei mitten in Lapa ist eine perfekte Location für Konzerte dieser Art.


Der Raum für die Zuschauer teilt sich auf verschiedene Ebenen auf. Es gibt einen großen Bereich direkt vor der Bühne, der nach hinten leicht ansteigt und eine riesige Empore mit neun treppenartigen Ebenen. Man hat selbst als kleiner Mann von fast überall eine gute Sicht auf die Bühne und die Band steht direkt vor einer riesigen Wand aus Zuschauern.


Die Cariocas waren trotz fehlender Vorband so heiß auf das Konzert, dass es nach dem zweiten Lied aus Sicherheitsgründen unterbrochen werden musste (kurze Umbau Maßnahmen am Konzertgraben).




Eine solche Stimmung hab ich noch auf keinem Konzert erlebt. Der reinste Hexenkessel. Es war so heiß in diesem Betonklotz dass selbst die Wassersprenkler an der Decke kaum etwas zur Kühlung beitragen konnten (wir hatten schon die ganze Woche über 30°C). Mehr Bilder und sogar vier Videos gibt's wie immer auf Murks Blog.


Irgendwie haben wir uns alle in den Gängen und Ebenen der Fundicao verloren und während draußen auf den Straßen von Lapa noch gefeiert wurde hab ich den Heimweg angetreten. Dieses Konzert wird mir noch lange in Erinnerung bleiben.

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Montag, September 11, 2006

LANGES WOCHENENDE

Da am letzten Donnerstag Unabhängigkeitstag war, gab's ein richtig langes Wochenende (Freitags war fast alles zu). Den Donnerstag über hab ich die ganze Zeit gearbeitet, spannender wurde es erst Freitags.


Sind abends zuerst in den Cobal und anschließend in die Casa da Matriz, ein altes Wohnhaus im Stadtteil Botafogo, das zu einer ganz netten Party Location umgebaut wurde. Die Raumaufteilung ist noch im Origninalzustand, aber die Wände sind je nach Zimmer unterschiedlich gestaltet (teilweise sehr geile Streetart). Außer den beiden Tanzräumen gibt es im oberen Stock auch ein Atari-Zimmer mit drei Automaten und einen kleinen Laden, indem man coole Shirts oder irgendwelchen Kram (Kaugummis, Zigaretten, Papers, etc) kaufen kann. Nice!

Vicente (Grafikdesigner aus Sao Paulo) und Giselle (seine Freundin), die uns von Dienstag bis Sonntag besuchten waren auch dabei. Mit den beiden konnte man aber nicht nur gut feiern sondern auch mal stundenlang über das Leben, Brasilien, den aktuellen Wahlkampf in Brasilien und die Rolle der Kirche darin diskutieren. Sehr angenehm, hatt ich ein bißchen vermisst. Vicente hat jede Menge aufschlussreiche Hintergrund Informationen. Ich hab mich zum Beispiel immer gefragt, warum die Busfahrer in Rio wie die Idioten und ohne Rücksicht auf Verluste durch die Stadt rasen. Die Lösung: Fahrer haben eine Route, die sie bspw fünf mal fahren müssen. Je früher sie damit fertig sind, desto früher haben sie Feierabend. Einen Fahrplan gibt es in Rio ohnehin nicht, da kann man auch mal mit 80 durch die Stadt heizen (bei dem Verkehr und den Straßen ist das viel)!

Samstags war ich dann mit Aline, Giselle, Robin und Vicente in Prainha, einer kleinen Bucht süd-westlich von Barra (Stadtteil von Rio). Ein richtig geiler Strand mit vielen Surfern und hübschen Brasilianerinnen.


Außer einem kleinen Restaurant (das hervorragenden Fisch vor Ort fängt, grillt und serviert) ist weit und breit nur Himmel, Meer, Strand, Fels und Dschungel zu sehen. Kein Lärm, keine Häuser. Sehr geil!



Sind nach ausgiebigem Sonnenbad und dem Fisch zurück in die Stadt und auf direktem Weg (mit dem Auto) auf den Corcovado. Die Aussicht vom Cristo ist bei Dunkelheit fast noch beeindruckender.



Das unendliche Lichtermeer der Stadt, die vielen Autos, der angestrahlte Pao de Acucar (Zuckerhut) und die Lagoa mit der Pferderennbahn, den vielen Sportplätzen und Ipanema/Leblon im Hintergrund. Ich liebe diesen Platz!


Kaum waren die Paulistas am Sonntag Mittag weg kam Dudus ganze Familie zum großen Churrasco. Gigantische Mengen Fleisch, jede Menge Bier, eine Stereoanlage und zwanzig Brasilianer (darunter auch acht kleine Kinder) ergeben ein verrücktes Fest, das wirklich gar nichts mit den mir bekannten Familienfeiern gemeinsam hat. Ein sehr amüsanter Ausklang für ein gutes Wochenende.

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